Petrovice hat seine Geschichte wieder

Artikel von Steffen Neumann in der Sächsischen Zeitung vom 20.10.2008

Mit Pfarrchroniken ist es in Nordböhmen so eine Sache. Geschrieben in altem Deutsch, sind sie für die heutigen Bewohner nicht lesbar. Die Kirchgemeinden zählen oft nur eine Handvoll Gläubige, und so manch Kirchenbau ist in einem bedauernswerten Zustand. So ist es auch in Petrovice (Peterswald). Die Pfarrchronik verstaubte nach der Vertreibung der Deutschen jahrelang, ehe sich das Bistum in Litomerice (Leitmeritz) zu einer Rettungsaktion entschloss. Anfang der Sechzigerjahre ließ es die Chroniken aus den Dörfern einsammeln und beauftragte das Stadtarchiv von Usti nad Labem, (Aussig) als zentraler Verwahrungsort zu dienen.

Peterswald war wunderbar
Noch einmal fast 50 Jahre hat es gedauert, ehe die Pfarrchronik an ihren Ursprungsort zurückgekehrt ist. Nicht das Original. Das liegt noch 150 DIN-A3-Seiten schwer im Stadtarchiv von Usti, wo es Renate von Babka abkopiert und nachher ins heutige Deutsch gebracht hat. Eigentlich war von Babka auf der Suche nach der Chronik von Petrovice gewesen, die verschollen sein soll. Von einer Mitarbeiterin des Archivs wurde sie dann auf die Pfarrchronik aufmerksam gemacht. Renate von Babka ist in Schwaben aufgewachsen, aber ihre Eltern kamen aus Petrovice. 1969 war sie das erste Mal mit ihren Eltern in dem Ort. „Damals war ich ein Teenie, habe die Welt ganz locker gesehen und mir über die Vertreibung nicht die geringsten Gedanken gemacht. Bin mit den Jungs Heinz Kopp, Peter Doleschal und Pepi Prochaska aus Peterswald in die Disco gegangen und fand Peterswald ganz wunderbar“, erinnert sie sich. Erst nachdem ihre Eltern verstorben waren, fand sie die Zeit, sich ihrer Herkunft zu widmen. Sie reiste nach Petrovice und begann nach ihren Vorfahren zu forschen. So führte sie der Weg das erste Mal in das Stadtarchiv von Usti, wo sie die Bögen von der Volkszählung 1921 abfotografierte. „Diese Angaben sind nicht nur für mich wichtig, ich habe sie schon vielen Interessenten weitergegeben“, sagt von Babka.

Die Ahnenforschung ist für sie eine Leidenschaft geworden. „Ich beschäftige mich täglich zwei bis drei Stunden damit. Wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Das ist wie eine Droge“, sagt von Babka und lacht. Wer so viel Ehrgeiz mitbringt, den schreckt auch eine dicke Pfarrchronik in altem Deutsch nicht ab. „Ich musste die Sprache völlig neu lernen. Dazu kam, dass die Chronik über die Zeit in drei verschiedenen Schriftarten verfasst wurde: in altdeutscher Schrift, Kurrent- und Sütterlinschrift.“ Das größte Problem war allerdings, dass jeder Pfarrer eine eigene Schrift hatte. „Am schlimmsten war die Schrift von Pfarrer Wenzel Kara; da bin ich kaum vorangekommen und habe Freunde um Hilfe gebeten“, beschreibt von Babka die Mühen, die sie anderthalb Jahre kosteten. Die Schrift von Pfarrer Skliba dagegen konnte von Babka am Ende sehr gut lesen, denn er war über 30 Jahre im Amt. Nur dass Skliba ab 1926 Tschechisch schrieb – leider weiter in Sütterlin. Auf diese Abschnitte wartet noch ein Übersetzer.

Älteste erhaltene Chronik
Für Petrovice ist es nun die älteste erhaltene Chronik. Sie reicht von 1825 bis 1932, als die Aufzeichnungen abbrechen. Zdenek Kutina, der Bürgermeister von Petrovice, ist dankbar für das Stück wieder gewonnene Geschichte. „Zwar sind das für viele von uns nicht die unmittelbaren Vorfahren, aber es ist doch unsere Geschichte“, sagt er. Und er plant schon die Übersetzung ins Tschechische. Die Pfarrchronik liegt nun aber auch wieder beim Bistum in Litomerice. „Ich kann mich nicht erinnern, dass in den zwölf Jahren, die ich hier bin, jemand privat solch eine Übersetzung gemacht hat“, würdigt Generalvikar Hanzelka, der die Chronik in Empfang genommen hat, die Leistung. Petrovice hat nicht nur seine Geschichte wieder. Die Übersetzung der Chronik selbst ist ein Stück Gegenwart und ein Neubeginn, denn sie endet mit einer Eintragung vom 31. Mai dieses Jahres. Da wurde in einer gemeinsamen Aktion alter und neuer Bewohner von Petrovice auf dem Friedhof ein altes Barockkreuz wieder eingeweiht. Interessenten finden die Peterswalder Pfarrey-Chronik auf den Internetseiten des Deutsch-Kanadiers Bernd Zechel unter www.peterswald.org unter „Neues“ unten.