Renate v. Babka

überarbeitet Sept. 2011

aus der Tyssaer Chronik, um 1939 von Hugo Püschner niedergeschrieben.

 

Der große Peterswalder Kassenskandal im Jahre 1934

Haus-Nr. 529, ehemalige Sparkasse – heutige Gemeindeverwaltung

 

Der 2. Juni 1934 brachte den mit den traurigsten Folgen begleitete Zusammenbruch des von Franz Anton Püschner in Tyssa mit gegründeten im Jahre 1869 in Peterswald bei Aussig errichteten Spar- und Vorschuss-Kassa-Vereines Peterswald.

 

In Folge der gediegenen Satzungen und der von den besten Grundsätzen beseelten Leitung wurde dieses Geldinstitut zum Segen für das ganze Erzgebirge und genoß über 60 Jahre unbeschränktes Vertrauen was sich in der Höhe der Spareinlagen-summe von Kc 34.867.459,-- und ca. 8000 Einlegern Ende 1931 ausdrückt und bei günstigen Verzinsungsmöglichkeiten einen Bruttogewinn von jährlich circa ½ Million entsprach.

 

Leider hatte die Peterswalder Kassa unter Mißachtung der zum Schutze des Einlegervermögens geschaffenen Satzungsparagraphen während der Leitung des am 21.5.1932 verstorbenen Direktors Anton Löbel, welcher verheiratet war mit Maria Wolf, einer Tochter des Fabrikanten Augustin Wolf (Thekla-Fabrik) und des Vorstandsstellvertreters Franz C. Kühnel, Peterswald außer anderen großen Krediten auch an die Industrie und das Gewerbe sogenannte Kopfkredite gegeben, wovon 20 Kredite, und zwar 7 in Peterswald, 4 in Eichwald und 9 in anderen Orten die Grenze von 100.000 Kc überschritten und bis zu 1 ¾ Millionen erreichten, äußerst mangelhaft gedeckt und im Jahre 1929 mit Kc11.059.877,44 unter dem Posten „Kontokorrente“ verbucht waren. Gegenüber diesem ungeheurem Millionenrisiko hatte die Kassa nur eine Reserve von Kc. 484.000,-- durch 420 Anteilscheine zu je Kc 200,--.

Nach dem Zusammenbruche standen die 147 Genossenschaftsmitglieder, welche von diesen unsicheren Kontokorrentkrediten nichts wußten, der Tatsache gegenüber, dass die mißtrauischen Einleger ab 1932 nicht weniger als Kc. 8.362.386,-- abgehoben hatten und daß die Großschuldner nicht nur nicht zahlten, sondern auch der Kassa durch Ausgleiche und Advokatenspesen, Versicherungsprämien etc. die größten Verluste brachten. Bei den in folge der trostlosen Lage der Peterswalder Kassa und des 100%igen Vertrauensverlustes unbedingt erforderlichen Anschlüsse an ein anderes Geldinstitut wurde eine Sanierung durch die allgemeine Volkskreditanstalt GmbH in Prag durchgeführt und eine Zweigstelle derselben in Peterswald am 1.Sept. 1935 errichtet.

 

Die Sanierungsbilanz ergab einen Verlust von KC 7.968.684,-- wovon die Einleger 6 ½ und die Mitglieder 1 ½ Millionen Kc. decken mußten. Darunter befanden sich die Einleger der Gemeinde Tissa mit ca. 5/4 Millionen Einlagen und über ¼ Million Verlusten und 8 Mitglieder mit 18 Anteilscheinen zu je 5000,-- Kc. Verlust und Regreß von 7000 Kc. Insgesamt also 97.000,-- Kc. Verluste außer den Einlegerverlusten.

 

Von den laufenden Notfällen, die durch die Schaltersperre hervorgerufen wurden, wurden die grassesten Tissa mit angeführt:

Ritschel, Tissa, 110, erblindet und Josef Hiebsch, Tyssa, 110, geb. 6.10.1866

Anna Hiebsch, Tissa, 110, geb. 26.7.1868, kinderlos und ohne jede Stütze.

Am 2.3.1928 trat bei Hiebsch durch einen Schlaganfall gänzliche Erwerbslosigkeit und Erwerbsunmöglichkeit ein. Die Frau ist schon 10 Jahre schwer asthmaleidend u. hat dadurch stark beschränkte Bewegungsmöglichkeit. Von den Zinsen und Kapital in der Peterswalder Kassa hat sie den Lebensunterhalt gefristet. Eine Auszahlung der Kassa wurde trotz Bestätigung der Notlage im September 1934 verweigert.

 

Die Genossenschaftsmitglieder verlieren an die Peterswalder Kassa mit allen Aktien und Papieren, die Anteilscheine und zahlen 5000,-- Kc. für jeden Anteilschein.

Die Einleger verlieren die Zinsen vom 1.7.1934 bis 31.12.1935, 15 % vom Einlagenkapital, Stand vom 1.7.1934. 5 % vom Einlagenkapital, Stand vom 1.7.1934 bleiben vorläufig gesperrt.

Auszahlung nur in 10%igen Jahresquoten ab 1.10.1935, was besonders für die älteren Einleger eine ungemein harte Bedingung darstellt. Zeichnung von neuen Anteilscheinen bei einem Einlagenkapital über 3000,-- Kc. zu 110,-- Kc. gar je 4000,-- Kc. Die seitens der Peterswalder Kasse an die Bewohner der Gemeinde Tissa gewährten Darlehen verrichten nicht die Höhe der Einlagensummen aus Tissa. Die Verluste der Kasse von ca. 8 Millionen Kc. deckten bis zum heutigen Tage ausschließlich nur die Einleger und Mitglieder, während die Großschuldner, welche die Kasse ruinierten, größtenteils ihren Besitz behielten.

Das Leitmeritzer Gericht hatte kein Verständnis für diesen Kassenschwindel und verurteilte am 6.10.1937 den letzten Direktor Franz C. Kühnel, Peterswald 147, zu 11 Monaten schweren Kerker unbedingt, wogegen vom Verteidiger des Verurteilten berufen wurde.

So sank eines der größten Geldinstitute des Erzgebirges durch gewissenlose Menschen in den Abgrund und riß viele mit sich.

 

Liste der 20 Großschuldner über 100.000,-- Kc. laut Protokoll von 1934:

Haase, Franz, Peterswald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                     = Kc.1.668.648,--

Wolf, Wenzel, Peterswald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                     = Kc.   915.000,--

Schönbach, Anton-Franz, PW, Darl. u. Zinsen bis 1933                           = Kc.1.042.422,--

Kühnel, Franz Karl, PW Darl., Zinsen und Regressen                              = Kc.   895.621,--

Kühnel, Anton PW 473, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                         = Kc.   790.891,--

Hofmann, Peterswald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                           = Kc.   521.293,--

Kühnel, Franz, PW 112, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                        = Kc.   367.874,--

Wunder, Josef, Eichwald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                     = Kc.   218.625,--

Porstmann, Josef, Eichwald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.34                    = Kc.   468.990,--

Jentsch, Eichwald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                                = Kc.   278.930,--

Salinger, Eichwald, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                                = Kc.   160.000,--

Meinl, Wenzel, Mariaschein, Darl. u.Zinsen bis 1.7.1934                         = Kc.   284.380,--

Meinl, Joseph, Pihanken, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                      = Kc.   142.010,--

Niebauer, Wenzel, Teplitz, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                     = Kc.   297.900,--

John, Joseph, Teplitz, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                            = Kc.   292.140,--

Hantschel, Wentzel, Klostergrab, Darl.u.Zinsen bis. 1.7.1934                  = Kc.   248.450,--

Hantschel, Franz, Judendorf, Darl. u. Zinsen bis 1.7.1934                        = Kc.   425.090,--

Scheithauer, Heinrich, Adolfgrün, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.34              = Kc.   111.337,--

Eichler, K. Voitsdorf, Darlehen u. Zinsen bis 1.7.1934                               = Kc.   191.948,--

 

Verfasst von Hugo Püschner, Fabrikant, Tissa 1935

 

Nachtrag:

Zu der am 5.5.1939 beim Leitmeritzer Amtsgerichte statt gefundenen letzten Verhandlung über die Berufungsentscheidung des obersten Gerichtes wurde folgendes festgestellt:

 

Der Sachverständige, Herr Zivilingenieur Alfred Schmid aus Schreckenstein bezifferte den Besitz des Kassendirektor, Herrn Franz C. Kühnel, Peterswald 146 und 147 mitKc. 726.000,--.

 

Der Schwiegersohn des Herrn Franz C. Kühnel, *8.3.1879, Herr Julius Rauchfuß,

gab die Maschinenwerte mit Kc. 350.000,-- an woraus ein Vermögensstand von Kc. 1.076.000,-- entsteht. Infolge dessen nahm das Gericht als erwiesen an, dass der beim Peterswalder Spar- und Vorschusskasse-Verein in Anspruch genommenen Kredit von über ¾ Millionen Kc. nicht zu hoch

war und fällte einen Freispruch für Herrn Kühnel.

 

Es wurde allerdings nicht festgestellt, warum beim Ausgleiche des Herrn Kühnel mit der Allgemeinen Volkskreditanstalt, Zweiganstalt in Peterswald, für die Einleger und Mitglieder der alten Peterswalder Kasse mehr als Kc. 600.000,-- verloren gingen, wozu jeder, auch der ärmste Einleger 25 % beisteuern musste, während Herr Kühnel seinen Besitz behielt. Nicht nur nichts opferte und keinen Regreß zahlte, sondern sich über Kc. 600.000,-- beim Ausgleich rettete.

 

Dieser Betrag ist in dem Verlustbetrage von Kc. 7.968.684,-- des Peterswalder Spar- und Vorschusskassenvereines mit enthalten. Es sind zwar durch zwei andere Großschuldner noch größere Summen verloren gegangen als durch Herrn Kühnel aber dieser war 10 Jahre Direktor-Stellvertreter und

zwei Jahre Direktor der gekrachten Kassa und musste als solcher wohl in erster Linie seine Schulden bei

dem eigenen Geldinstitut decken umsomehr als er Millionär ist, während die anderen Großschuldner,

die der Peterswalder Kassa auch ferner standen, keine Millionäre waren.

Die Einleger haben aber durchaus nicht versäumt, die Gerichte und das Finanzministerium in Prag

wiederholt auf diesen Kassenskandal aufmerksam zu machen, ohne dass es etwas genützt hätte. Es wird schließlich auch nur sehr wenige einsichtsvolle Menschen geben, die das Verständnis in gleichem Maße

wie die schwer Geschädigten für diesen Skandal aufbringen.

 

 

Hugo Püschner (um 1939)–gefunden im Archiv Aussig in der Tyssa´er Chronik -